Das ehemalige Wasser- und Elektrizitätswerk in der Brunnenstraße 9 gehört zu den bedeutenden Zeugnissen der frühen kommunalen Versorgungstechnik in Pfungstadt. Der Gebäudekomplex steht für eine Zeit, in der Städte und Gemeinden begannen, Wasser, Strom und später auch Wärme nicht mehr nur als private oder gewerbliche Aufgabe zu verstehen, sondern als öffentliche Infrastruktur. Damit ist das Alte E-Werk nicht nur ein technisches Denkmal, sondern auch ein Stück Stadtgeschichte. 1899 beschloss die Gemeinde Pfungstadt den Bau eines Wasser- und Elektrizitätswerks. Mit der Planung wurde der Darmstädter Elektrotechnik-Pionier Erasmus Kittler beauftragt, der seit 1882 das erste deutsche Institut für Elektrotechnik an der Technischen Hochschule Darmstadt leitete. 1901 ging das Werk in Betrieb.
Architektur und Anlage
Der Bau wurde aus dunkelrotem Klinker der Pfungstädter Dampfziegelei Nungesser errichtet. Der Komplex bestand aus einem Verwaltungsbau mit Wohnteil für den Maschinenmeister, einer Maschinenhalle und einem Kesselhaus. Nördlich schloss sich ein Flachbau mit Maschinen- und Kesselraum an. Gerade diese Mischung aus repräsentativem Verwaltungsbau, Wohnnutzung und technischer Halle macht den Denkmalwert des Ensembles aus. Das Gebäude zeigt, wie eng Technik, kommunale Verwaltung und Alltag um 1900 miteinander verbunden waren. Es war kein anonymer Zweckbau am Stadtrand, sondern ein sichtbares Zeichen moderner städtischer Versorgung.
Fortschrittliche Technik für Wasser, Strom und Wärme
Das Pfungstädter Werk war für seine Zeit bemerkenswert modern. Es erzeugte Elektrizität, förderte Wasser über elektrisch betriebene Pumpwerke und wurde später Teil eines frühen Fernwärmesystems. Die 1907 errichtete Goetheschule mit Turnhalle und Schwimmbad wurde über eine rund 200 bis 250 Meter lange Leitung vom Elektrizitätswerk aus mit Heizung und Warmwasser versorgt. Der unterirdische, begehbare Kanal ist bis heute erhalten. Diese frühe Form der Fernwärme war technisch besonders innovativ. Der Landkreis Darmstadt-Dieburg weist darauf hin, dass vergleichbare Heizkraftwerke damals nur in Städten wie Hamburg, Dresden und Karlsruhe existierten; breiter verbreitet wurden Dampffernheizungen in Kanalbauweise erst in den 1920er Jahren.
Betrieb, Umnutzung und Denkmalpflege
Das Werk blieb bis 1951 in Betrieb. Danach wurde es zeitweise von der Freiwilligen Feuerwehr genutzt. Heute dient das Haupthaus Teilen der Stadtverwaltung als Bürogebäude, während die ehemalige Maschinenhalle als Veranstaltungsraum bekannt ist.
Die Sanierung zeigt beispielhaft, wie technische Denkmale weitergenutzt werden können, ohne ihren Charakter zu verlieren. An der Fassade wurden Rekonstruktions- und Sanierungsmaßnahmen ausgeführt, das Dach des Haupthauses erhielt eine neue Biberschwanzdeckung, die Fenster wurden saniert, und an der Westseite entstand ein barrierefreier Zugang. Historische Bauteile wurden, soweit möglich, in traditioneller Handwerkstechnik instand gesetzt und zugleich an heutige Anforderungen wie Wärmeschutz und Brandschutz angepasst.
Bedeutung für die Industriekultur
Das ehemalige Wasser- und Elektrizitätswerk Pfungstadt ist ein wichtiger Ort der Industriekultur, weil es die frühe technische Modernisierung einer Kleinstadt sichtbar macht. Hier ging es nicht um Großindustrie im klassischen Sinn, sondern um die Infrastruktur, die modernes städtisches Leben erst möglich machte: sauberes Wasser, elektrische Energie, Pumptechnik, Wärmeversorgung und öffentliche Gebäude.Gerade solche Orte werden oft unterschätzt. Sie stehen nicht immer im Zentrum touristischer Aufmerksamkeit, prägen aber die Entwicklung einer Stadt entscheidend. Das Pfungstädter E-Werk erzählt von kommunalem Fortschrittswillen, technischer Innovation und der engen Verbindung von Industrie, Bildung und öffentlicher Daseinsvorsorge.
Heutige Nutzung des alten Wasser- und Elektrizitätswerk Pfungstadt
Die ehemalige Maschinenhalle wird von der Stadt als Veranstaltungsraum geführt. Aktuell weist die Stadt Pfungstadt darauf hin, dass das Alte E-Werk wegen Umbaumaßnahmen beziehungsweise Sanierung der Halle derzeit nicht vermietet wird. Die Halle ist unbeheizt, bietet aber grundsätzlich Platz für etwa 190 Personen und verfügt über einen Anbau mit Toiletten und Garderobe. Damit bleibt das Denkmal weiterhin Teil des öffentlichen Lebens. Es ist nicht nur Erinnerung an die technische Vergangenheit Pfungstadts, sondern ein Ort, an dem Stadtgeschichte, Baukultur und gegenwärtige Nutzung zusammenkommen.
